Mittwoch, August 17, 2005

In Bergen

Es gibt mich noch! (Ich hoffe auf wenigstens überwiegende Begeisterung darüber.)
Habe es endlich geschafft das Uninetzwerk zu nutzen und kann jetzt nachholen, was ich die letzten Woche versäumt habe:


Sonntag, 7. August 2005

In Bergen

Bin jetzt also in Bergen angekommen und finde mich so allmälich hier zurecht. Die Fahrt war lang und eindrucksvoll, die Ankunft hier chaotisch, die Unterkunft ist so richtig schön studentisch (ob das nun positiv oder negativ zu sehen ist, bleibt jedem selbst überlassen), meine Nachbarn sind international und die Landschaft ist traumhaft schön, jedoch bergig (negativ, da Radfahrer bin) und meistens naß (Wasser von oben, von unten, von der Seite - wer je Forrest Gump gesehen hat, weiß was ich meine).

DIE FAHRT:
Um die Sache mit dem Gepäck einer Frau für ein ganzes Jahr zu regeln, beschloss mein Vater mich mit dem Kombi hierher zu karren. Montag morgen fuhren wir also mit nur einer Stunde Verspätung in Friedrichsdorf ab. Tatsächlich durchfuhren wir an diesem Montag in einem 15h-Marathon Deutschland, durchquerten Dänemark über Kopenhagen und setzten mit einer kleinen Fähre nach Schweden über. Dort fanden wir nach langem Suchen (Die Schilder mit Hinweisen auf Schlafmöglichkeiten sind nicht allzu ernst zu nehmen. Es ist durchaus möglich, dass sich hinter einem solchen Symbol ein Campingplatz oder eine 20km weiter im Wald gelegene Seniorenruhestätte verbirgt.) eine völlig überteuerte Bleibe. Zwar war die Dusche dort eher provisorisch, aber dafür war der Fußboden laut Prospekt aus Eichenholz. Nach einer einigermaßen die Nerven beruhigenden Nacht ging es morgens sehr früh weiter (aufgrund des anhaltenden Schlafmangels verbrachte ich die nächsten vier Tage in einer Art Wachkoma). Recht schnell erreichten wir dann Göteborg (Schweden), überquerten die Grenze zu Norwegen und umkurvten Oslo. Von Oslo nach Bergen gibt es zwei Wege, die laut Karte nicht besonders weit sind – wir planten etwa drei bis vier Stunden für die Strecke ein. Kurz hinter Oslo ahnten wir jedoch, warum die junge Schwedin an der Rezeption den Abend zuvor so hintergründig gegrinst hatte und tröstend meinte: ”Aber es ist ein sehr schöner Weg.”, als wir erzählten, schnell nach Bergen zu wollen. Etwa 50 Tunnel später (Tunnel unter 1 km zählen nicht als Tunnel!), der Bewältigung von beachtlichen Steigungen und Gefällen, gebührenplichtiger Brücken und der Besichtigung von Schneefeldern (jawohl, Schnee im August bei 20 Grad) waren wir uns dann sicher, dass die Strecke zwar nicht schnell, aber doch sehr – beeindruckend ist. Wer mich also besuchen möchte, dem ist zu raten viel Zeit einzuplanen, einen Flug nach Oslo und von dort aus den Zug zu nehmen.

ANKUNFT IN BERGEN:
Nach 8h kamen wir jedenfalls am Dienstag in Bergen an, allerdings zu einer Zeit, zu der die Rezeption des Wohnheims schon geschlossen war. Diese fanden wir jedoch überhaupt erst nach 2h Suchen, da für Ortsunkundige die Art der Straßenführung nicht ganz leicht zu durchschauen ist. Besonders die unzähligen Einbahnstraßen im Zentrum waren ein wenig hinderlich, als wir dann wieder mal eine billige Unterkunft ausfindig zu machen versuchten. Diesmal hatten wir schon beim zweiten Versuch Glück, wobei in Norwegen die Auffassung von billig eine andere als in Deutschland ist. Jedenfalls war der Norweger an der Rezeption recht motiviert, verarztete einen hilflos Betrunkenen im Nebenraum und brachte am nächsten Morgen eine Kanne Kaffee (welcher meinen Koma-Zustand leider auch nicht zu vertreiben mochte). Dienstag Abend entschlossen wir uns noch zu einer kleinen Stadtbesichtigung. Auffällig waren zum einen die Unmengen an Touristen, zum anderen die baufälligen Häuser, von denen mich besonders eine weiße Bretterbude beeindruckte – sogar McDonalds passt sich hier an (wir waren in der Altstadt gelandet, die recht hübsch, aber eben alt ist).

EINZUG:
Am nächsten Morgen machte ich mich im strömenden Regen als erstes auf zum Student Service, um mir eine To-do-list geben zu lassen. Während ich ziemlich naß wartete, erklärte mir ein freundlicher Norweger mit Blick auf das Wetter: „Oh, it’s normal.“ Genau was ich hören wollte. Mit mir wartete eine weitere Studentin, Juliane, die optimistisch genug war ohne Wohnmöglichkeit herzukommen (Sonntag traf ich sie wieder, immer noch auf der Suche, aber inzwischen bereit etwa das Doppelte zu zahlen). Nachdem ich schließlich meine Infos bekommen hatte, machten wir uns erneut auf den Weg zum Wohnheim. Dort angekommen bekam ich zügig meinen Vertrag und die Schlüssel zum Zimmer. Achter Stock. Meistens funktioniert der Aufzug sogar. Das Zimmer ist klein, aber – inzwischen – gemütlich. Ein winziges Bad mit Dusche (wobei der komplette Boden als Duschwanne dient) habe ich ganz für mich, die Küche wird mit sieben anderen geteilt (der Hinweis an der Küchentür, dass das regelmäßige Säubern und Müll entfernen hilft, Kakerlaken zu vermeiden, ist bezeichnend). Zur Zeit ist hier nicht viel los, weil noch Ferien sind.

DIE ERSTEN TAGE:
Zunächst wurde ein wenig die Umgebung erkundet (Holzkirche angucken, Flughafen finden, Fischbrötchen kaufen, Schiffe gucken, auf Berg klettern und runterfallen, Muskelkater vom Radfahren kriegen und zwischendrin uninteressantes Zeug fotografieren) und natürlich Schubladen putzen und mein Zeug verstauen. Fertig eingeräumt wirkt das Zimmer ein bisschen wie Zuhause. Nach und nach lernte ich dann auch meine Mitbewohner kennen: Oksana (21, Ukraine), Nil o.ä. (21, Türkei), Alicia (21, Kanada), Yaroslav (25, Slowenien), Vita (Lettland) & Carl (Norwegen) und ein Mädchen, von der ich noch nicht mal den Namen weiß. Mit Oksana erkundete ich am Samstag gemütlich die nähere Umgebung und ging abends in der City einen Kaffee und Light (!) Beer trinken. Klingt zwar nicht sehr lecker, aber ein normales Bier kostet schon im Supermarkt etwa 3 €, im Pub 5 €. Zu meinem Erstaunen ist es den Eingeborenen aber scheinbar auch mit geringen Mengen Light Beer möglich sich gnadenlos zu besaufen. Beneidenswert. Wer aus Mitleid Care-Pakete schicken möchte kriegt sofort meine Adresse!

Mein Sonntag bestand aus einer erneuten Radtour (der Taunus ist ein Dreck gegen die hiesigen Steigungen) und später aus dem Herbeiholen einer Ambulanz, weil sich einer meiner Mitbewohner als Diabetiker mit Unterzucker im Koma befand. Immerhin war was los und der Junge war nach kurzer Behandlung wieder halbwegs fit.

Alles in allem hab ich noch einen Haufen Papierkram zu erledigen (offizielle Stellen arbeiten hier genauso wie bei uns, also sehr langsam, und meine erste und einzige Post die ich bekam bestand aus der Rechnung für die Miete...), fühle mich hier aber doch ganz wohl. Zwar fehlt noch ein bisschen Action, aber ich bin zuversichtlich, dass das mit Semesteranfang besser wird. Ansonsten hoffe ich, dass mich auch mal jemand anruft! (Habe Festnetz, kann aber nicht raustelefonieren.)

Fortseztung folgt.

Sonntag, 14. August 2005

Die zweite Woche

Ich fühle mich hier inzwischen schon ein bisschen heimisch. Das liegt wohl darin begründet, dass ich bisher noch nichts zu tun habe und Urlaub machen kann, und natürlich auch daran, dass Jule zur Zeit halb bei mir wohnt und ich so auch nie lange genug allein bin, um Heimweh zu bekommen. Außerdem haben wir mit Christoph und Benjamin lustige Leute zum Ausgehen gefunden.

MONTAG:
Vormittags erledigte ich ganz schnell alles Unangenehme wie Miete bezahlen, Buskarte kaufen etc. und fuhr dann nach einem Picknick am Kai wieder „nach Hause“. Dort rief mich eine verzweifelte Juliane an, die dann kurz darauf mit Sack und Pack bei mir vor der Tür stand und im Fantoft-Dormitory eine provisorische Bleibe fand. Am selben Abend hatte sie jedoch das Glück zu einem fairen Preis ein traumhaftes WG-Zimmer in Nordnes (ein wunderschönes Wohnviertel mit Holzhäusern am Hang, nur durch kleine Gässchen zu erreichen und mit winzigen Blumenkübeln vor jeder Haustür) zu bekommen. Montag zieht sie ein und ich überlege ernsthaft es nach ihrer Rückkehr nach Deutschland zu übernehmen.

Abends rief dann ein Franzose namens Christoph an und lud mich zum BBQ ein. Habe mich überreden lassen Muscheln in Knoblauchsoße (Franzosen eben) zu probieren. Jetzt weiss ich wie Kaugummi mit Knoblauchgeschmack schmecken muss. Es war ein ganz netter, wenn auch nicht spannender Abend. Geärgert habe ich mich über einen Haufen deutscher Hühner, die ebenfalls von ihm eingeladen worden waren, und die ganze Zeit über deutsch sprachen, ungeachtet der Tatsache, dass Christoph lediglich französisch und englisch versteht. Manchmal ist es beinahe peinlich deutsch zu sein!

DIENSTAG:
Jule und ich sind nach Bergen runter gefahren und haben Nordnes besichtigt. Dabei gab es Unmengen Treppen bergauf und bergab zu steigen und wunderschöne Plätze zu entdecken. Besonders eindrucksvoll war für mich das Seebad, in dem nicht wenige Menschen im eklig kalten Fjord badeten. Denn obwohl die Sonne ziemlich warm schien (was Jule und mich nach 50m zur Aufgabe unserer geplanten Bergtour brachte), blies der Wind doch ganz ordentlich. Nach Abschluss des Tages kannte ich nicht nur wirklich tolle Piknikplätze, sondern auch nahezu alle Einkaufszentren und Schuhgeschäfte (wir sind eben weiblich).

MITTWOCH:
Wir haben richtig schön gefaulenzt. Im Supermarkt hier gibt es eine kleine Tiefkühltruhe, die nur mit Garnelen gefüllt ist. Man kann sich dann einfach welche in eine Tüte abfüllen. Und obwohl die Preise für Lebensmittel hier in der Regel etwa 30-40% teurer als in Deutschland sind, sind die Garnelen hier eben doch um einiges günstiger als bei uns (im Supermarkt übrigens auch frischer und billiger als auf dem Fischmarkt in der Stadt, der überwiegend für naive Touristen veranstaltet wird). Jule und ich haben uns jedenfalls eine Tüte mit raus in Sonne genommen, an der die Garnelen recht schnell getaut sind. In der Sonne Garnelen pulen könnte man nun zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen zählen!

Am Abend hat „Klub Fantoft“ eröffnet, ein Studenten-Pub /Klub hier am Wohnheim, in dem es für norwegische Verhältnisse recht günstig etwas zu trinken gibt. Dort haben wir dann Christoph und dessen Freund Benjamin (deutsch, beide PhD’s) getroffen. In einer etwas größeren Runde und mit ein wenig Wein und Bier war es dann ein wirklich lustiger Abend.

DONNERSTAG:
Mein Versuch doch schon mal eine norwegische ID-Nummer (nötig um eine Bankkonto zu eröffnen) zu kriegen scheiterte kläglich. Jetzt können sie ihren Kram eben behalten! Die auf der anschließenden Shopping-Tour erstandene Fell-Weste (wer sich an letzten Winter erinnert: sie passt zu meinen Stiefeln) entschädigte mich aber wieder. Den Rest des Tages wurde gefaulenzt, bei Jule aufgrund eines mittelschweren Katers, bei mir aus Solidarität.

FREITAG:
Ich war auf dem Floyen! Vormittags brachte uns die Tatsache, dass die Wolken zwar da waren, aber doch recht hoch hingen, auf die Idee nun unsere Bergtour zu starten (auch das schlechte Gewissen wegen der Faulheit am Vortag trug dazu bei). Also fuhren wir mit dem Bus zum Fuss des Berges und spazierten mit hoch erhobenen Nasen an den Touristen vorbei, die vor dem Eingang des Berg-Zuges warteten. Die Steigungen sind mit nichts aus meiner unmittelbaren Heimat vergleichbar. Trotzdem erreichten wir recht frisch die oberste Bahnstation zu Fuss, versuchten zwischen japanischen Blitzlichtern die Aussicht zu geniessen und beschlossen dann den Rundweg anzutreten, der eine ganz ordentliche, aber ebene Strecke zu sein schien. Nachdem wir schon ein beachtliches Stück über unserem Ausgangspunkt waren packte uns beim Anblick einer riesigen Felswand der Ehrgeiz (an diesem könnten aber auch diverse Eingeborene schuld sein, die an uns keuchenden Wesen entspannt vorbeijoggten). Wir traten also den Weg bis ganz an die Spitze an – und es hat sich gelohnt! Zwar war es oben wirklich eisig kalt, aber wir waren noch unter den Wolken, jedoch über der Baumgrenze und hatten somit einen traumhaften Ausblick über die Fjordlandschaft um Bergen herum. Fast ganz auf der Spitze des Berges trifft man immer wieder auf große, stille Seen, die für das Trinkwasser in Bergen genutzt werden und zum Teil wirklich schwarz aussehen. Wer die Geschichten von Hohlbein gelesen hat kann sich vielleicht die sagenhafte Atmosphäre bei einem solchen Anblick vorstellen. Auch auf dem Rückweg (der aufgrund eines Sumpfweges – der Weg an sich war nur durch die Laternen am Rand erkennbar gemacht – bei mir für nasse Füße sorgte) kamen wir durch ein Waldstück, das wirklich wie aus einem Feen und Troll Märchen wirkte. Nach fünf Stunden wirklich zügigem Wanderns waren wir durchgefroren und erschöpft wieder in Fantoft und fühlten uns nach einer heißen Dusche unglaublich heldenhaft (die grauhaarigen Rentner, die uns unterwegs überholt hatten verdrängen wir immer noch).

Abends rief Christoph an und wir verabredeten uns mit ihm, Benjamin und Johanna (Freundin von Benjamin) in Bergen im Café Spezial (billigste Möglichkeit in der City etwas zu trinken). Auch das wurde ein sehr lustiger Abend. Wir lernten noch eine weitere Studentenkneipe kennen, sahen betrunkene Norweger und legten den Grundstein für einen Kater am nächsten Morgen.

SAMSTAG:
Als ich das erste Mal sehr früh am Morgen erwachte wusste ich nicht was schlimmer war, die Kopfschmerzen oder der Muskelkater. Die Entscheidung verschob ich auf zwölf Uhr, da musste ich dann aufstehen, weil Jule unbarmherzig gegen meine Tür schlug. Nach der Dusche stellt ich fest, dass die Kopfschmerzen weg waren und dass der Mensch unglaublich viele Muskeln im Hintern haben muss: AUA! Aufmuntern konnte mich nur Jules Gesichtsausdruck, die noch mehr leidet als ich.

Dementsprechend lief ich heute nur dreimal (!) die Treppen zu meinem Zimmer im 8.Stock hoch, ging Wäsche waschen, Geschirr spülen etc. Den Rest des Tages lagen wir in meinem Zimmer rum und quälten uns mit dem Korrigieren der Doktorarbeit einer lettischen Germanistikstudentin, die scheinbar eine Schwäche für Philosophie hat (eine existentielle Interpretation von Max Frischs Spätwerk unter den Gesichtspunkten der Zeitlichkeit von Liebe und Tod – das sind die Momente in denen ich es bereue hilfsbereit gewesen zu sein).

Abends meldete sich dann Christoph wieder, der mit Benjamin und Johanna vom Tauchen kam und Unmengen Fisch gefangen hatte. In seinem Zimmer bereiteten wir Schaschlikspieße mit Anglerfisch (sieht im unfilettierten Zustand zum Fürchten aus, im Laden wohl sündhaft teuer, aber sehr lecker) vor, grillten diese dann und verspeisten die Spieße genussvoll mit Kartoffeln. Muss auch tauchen lernen! Lecker!

SONNTAG:
Heute bin ich sogar recht früh aus dem Bett geschlüpft, habe dann ein wenig die Doktorarbeit weiter korrigiert und dieses später in einer Art wildem Park fast gegenüber von Fantoft in der Sonne fortgesetzt. Am Nachmittag sind wir dann noch mal nach bergen reingefahren und ein wenig durch die Bryggen-Museen gebummelt. Zum Abschluss des Tages waren wir noch ein Bier im Fantoft Club trinken.


So. Jedem der bis hierher durchgehalten hat, dem sei an dieser Stelle Respekt gezollt. Zukünftige Einträge werden häufiger, aber kürzer sein.

Best Wishes
Nadine

2 Comments:

Anonymous Anonym said...

Holla die Waldfee... Respekt! Hört sich sehr lustig an bei dir oben, mach weiter so! :)

Wünsch dir alles gute!

12:57  
Anonymous Anonym said...

Ich habe doch keine Zeit den Mist hier auf der Arbeit zu lesen....hm..oder doch!?;-) Anyway, lass es Dir gut gehen und immer schön rocken!

08:29  

Kommentar veröffentlichen

<< Home